Multirelation I
Ein Projekt von Andrea Rausch und Kaethe Haase-Kornstein
Von 1998 bis 1999 entwickelten Käthe Haase-Kornstein und Andrea Rausch ein Konzept für eine Malerei, die vom Thema des Portraits ausgehend schließlich zur Auslotung der Möglichkeiten des Mediums selbst gekommen ist, ohne auf die Frage nach der Darstellbarkeit zu verzichten. Am Anfang stand die Idee, Portraits der jeweils anderen nach ausgetauschten Fotografien zu malen. Das Format war auf 40x40 cm festgelegt Während sich bei Käthe Haase-Kornstein das Thema Gesicht/Antlitz durch das ganze Werk zieht, stellte sich Andrea Rausch einer neuen Herausforderung, ihre bis dahin entwickelten malerischen Möglichkeiten auf ein so eng begrenztes Motiv hin anzuwenden und in gewisser Weise zu überprüfen. Fotografien als Vorlagen zu nehmen bedeutet, sich an einem Bild der Anderen zu orientieren, das mit dem Drücken auf den Auslöser bereits verschwunden ist, der Vergangenheit angehört. Was bleibt, ist eine äußere Spur des Menschen, die sich in die chemische Oberfläche des Films eingeschrieben hat und von seiner Anwesenheit in diesem kurzen Augenblick zeugt. Es ist dieser in der Fotografie zum Stillstand gekommene flüchtige Moment, der den Impuls gibt, sich zu erinnern. „Sich erinnern“ aber beschränkt sich nicht auf die Identifikation äußerer Merkmale zum Bild eines bestimmten Menschen, sondern bezieht Erlebnisse, eigene Erfahrungen im Umgang mit dem anderen, auch Erzählungen Dritter mit ein. In Käthe Haase-Kornsteins und Andrea Rauschs Portraits vermittelt sich diese Art des Erkennens über den Akt des Malens selbst, der im Bild offengelegt wird. Letztere entwickelt ihre Gesichter mehr aus der Form heraus, aus der wie hinter Masken Augen und Münder zum Vorschein kommen, sich Gesichtszüge beinahe comichaft verzerren. Vor manchmal mit einer netzartigen Struktur versehenen Hintergründen modelliert sie Köpfe traumartiger Wesen, poetisch schön, gedankenverloren oder ein bißchen gespenstisch. Käthe Haase-Kornstein dagegen arbeitet aus dem Material selbst. Ihre Gesichter schälen sich aus der Farbe oder sind als Zeichen für Augen, Nase, Mund nur flüchtig aufgetragen, markieren das zur Gegenstandslosigkeit tendierende Bild als Darstellung eines Motivs aus der äußeren Wirklichkeit. Auf diese Weise entstehen eine ganze Reihe von Portraits, die eines gemeinsam haben: das in der Fotografie sichtbare äußere Erscheinungsbild der anderen ist verschwunden, scheint höchstens ab und zu in Augen- oder Mundpartien auf. Es sind Bilder der Erinnerung, die immer wieder neu auftauchen und verschwinden. Gleichzeitig sind es Reflexionen über das Selbst, das sich im Anderen spiegelt und das seine Spur im Prozeß des Malens hinterläßt. Erst anläßlich einer Ausstellung, als die beiden Künstlerinnen nach einer geeigneten Präsentation der unabhängig voneinander entstandenen Portraitserien suchen, werden die Bilder zu Paaren gruppiert. Auf diese Weise verliert das einzelne Portrait an Bedeutung, steht nicht mehr für eine jetzt verfügbare Form der Erkenntnis, sondern rückt das Wechselspiel des gegenseitigen Erkennens in den Vordergrund. Auch in der Wahrnehmung der Betrachter fügt sich das Paar zu einer immer neuen Vorstellung von der Identität der Künstlerinnen. So bleiben auch die scheinbar unbeteiligten Anderen miteinbezogen in den Prozeß des Bildermachens, denn sie vollenden die Portraits zu eigenen Bildern, die niemals ganz denen entsprechen können, die Käthe Haase-Kornstein und Andrea Rausch voneinander gegeben haben. Die Bilder tauchen auf, verschwinden, der Prozeß dauert an.
Silvia Baumgardt